Uerdingen wird abgewrackt.

Das weithin sichtbare Bayer-Kreuz – es stand als leuchtende Krone seit 1963 über Uerdingen – genauer gesagt über dem Gelände der Bayer AG in Uerdingen.
Nachdem die Stadt schon lange ihr Flair verloren hat und es die Bayer AG in Uerdingen nicht mehr gibt, wird jetzt, in der 46. KW 2016, nach 53 Jahren das Bayer-Kreuz – für viele das Wahrzeichen von Uerdingen – demontiert. Uerdingen wird abgewrackt.

Uerdingen wird abgewrackt – Demontage des Bayer-Kreuzes

Das Ende des Uerdinger Bayer-Kreuzes

Vielleicht hilft es, den Blick nicht mehr auf diese leuchtende Krone richten zu können und statt dessen sehen zu müssen, wie es inzwischen darunter seit langem schon aussieht.
„Leerstände prägen das Gesamtbild“, sagte der Vorsitzende des Kaufmannsbundes schon 2013. Leerstand und Schmutz beherrschen Uerdingen, auch wenn es immer wieder Versuche gibt, dem entgegen zu wirken. Immer wieder heißt es: „Neue Ideen müssen her!“. Wenn aber diese 'Ideen' dann so sind, dass die Bezirksvertretung der „ehrenamtlichen Initiative für eine schöne Rheinstadt Uerdingen“ erlaubt, hässliche Blechstreifen an Laternen-Pfähle und Häuserwände zu schrauben, um daran Blumenampeln zu hängen, die etwa vier Monate lang das Bild verschönern, dabei aber übersieht, dass diese hässlichen Blechstreifen die restlichen acht Monate des Jahres Uerdingen zusätzlich verschandeln, dann ahnt man, warum Uerdingen so aussieht.

Befestigug für Blumen-Ampel auf der 'Alte Krefelder Straße'

Alte Krefelder Straße: Befestigug für Blumen-Ampel – man sieht gleich, da hatte jemand außer einer Idee nichts im Kopf .

Seit den 70er Jahren werden Konzepte gegen die Krise geschrieben, meist ohne umgesetzt zu werden – oder mit 78 Jahren Verspätung realisiert, wie der 2007 gebaute Tunnel am Bahnhof.

Die RP zitiert Anfang 2016 aus einem Sachstandsbericht, Uerdingen sei Krefelds bedeutendstes Stadtteilzentrum und „Das war auch 1929 so: Beim ’Zusammenlegungsvertrag’ stand Uerdingen gleichberechtigt neben Krefeld. Sichtbarer Ausdruck: Das neue Stadtgebilde hieß ’Krefeld-Uerdingen’. Doch von da an ging's bergab. Ab 1941 hieß Krefeld-Uerdingen nur noch Krefeld. Dennoch: 1971, so resümiert der Bericht, war Uerdingen ’noch das zweite Zentrum der Stadt’. 20 Jahre später war die ’Rheinstadt’, wie sie sich bis heute trotzig nennt, ’nur noch der größte und autonomste der neun Krefelder Stadtbezirke’. Die Entwicklung wird so zusammengefasst: ’Eingeschränkt in seiner Entwicklung … verlor Uerdingen an Attraktivität und Ausstrahlung.’“.

Sicher liegt das Dilemma in einer saumäßigen oder auch fehlenden Stadtplanung, es liegt aber auch daran, wie Uerdinger, Verantwortliche und Presse Uerdingen sehen und darzustellen versuchen.
Immer wieder ließt man von unserem historischen Marktplatz – gemeint ist der Parkplatz vor Rathaus, Apotheke und (der inzwischen geschlossenen) Bücherei. Solange der Kaufmannsbund und andere meinen, Parkplätze in nächster Nähe seien wichtiger als eine einladende, saubere, gepflegte Umgebung …!

Mit Pomp wurde der sanierte Rheindeich gefeiert. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen man gemütlich auf den Bänken des Deiches saß, dem Fluss und den Schiffen zusehen konnte. Auf dem Reißbrett sieht der neue Deich in der Vogelperspektive sicher grafisch ansprechend aus. Dass aber die einladenden Bänke durch unansehnliche Betonklötze ersetzt wurden, Rückenlehnen an diesen fehlen, sich der Dreck um diese Klötze sammelt und vom Platznehmen abrät, dass die neue Mauer die Sicht auf den Rhein versperrt usw., ist natürlich keinem Verantwortlichen vorher aufgefallen.

Uerdinger Rheinufer am Steiger

Uerdinger Rheinufer am Steiger – keine Einladung an Gäste

Die Deich-Sanierung und die Instandsetzung des Steigers werden als „wichtige Impulse für weitere Entwicklungen“ gefeiert. Zum 'Steigerfest' am Samstag, dem 24.09.2016, erscheint auch Oberbürgermeister Frank Mayer. Das Fest dauert einen Tag, die letzten Überreste des Festes verschandeln noch eine Woche später Deich und Umgebung.
„Industrie, attraktiver Stadtkern, Wohnen und Freizeit verbinden sich in Uerdingen zu einer ganz besonderen Adresse unter den Städten am Rhein“, schreibt die Stadt Krefeld dazu auf ihrer Internetseite. Man möchte weinen und mit Pegida 'Lügenpresse' schreien, wenn man diese Einschätzung mit der Realität vergleicht.

Und solange „Hallo Uerdingen“ meint, das hässliche Bild dadurch übertünchen zu können, dass es Dinge schreibt wie „Die Theresienwiese in München war gestern. Heute ist das Festzelt auf dem Uerdinger Röttgen!“, solange alle sich weigern, die Realität zu sehen und ernsthaft und kompetent Gegenmaßnahmen zu ergreifen, angefangen beim achtlos weggeworfenen Bonbon-Papier, geht das Abwracken weiter.

Uerdingen, 20.11.2016